Solidarität mit dem Forum Weingarten – stellen wir uns der Entdemokratisierung und fachlichen Beschneidung Sozialer Arbeit entgegen!

Der Arbeitskreis Kritische Soziale Arbeit (aks) Freiburg wendet sich entschieden gegen die aktuelle Politik der Stadtverwaltung im Umgang mit dem Forum Weingarten (.pdf). Dieses Vorgehen stellt eine noch nie da gewesene Gängelung einer engagierten Gemeinwesenarbeit dar, die Menschen zu Wort kommen lässt, deren Stimme ansonsten in der Stadtgesellschaft nicht gehört wird, und das seit der Gründung des Vereins.

Das Form Weingarten e.V. wurde von den Bewohner/innen ins Leben gerufen, „um das soziale, kulturelle und nachbarschaftliche Leben in Weingarten zu gestalten. (…) Das Forum Weingarten orientiert sich in seiner Arbeit am Willen und den Interessen der Bewohnerinnen und Bewohner des Stadtteils.“ (Selbstdarstellung des Forum Weingarten)

Worum geht es genau?
Das Forum Weingarten hat sich seit seines Bestehens mit den BewohnerInnen Weingartens nach deren Wunsch für den Erhalt von günstigem Wohnraum eingesetzt. Dass es dadurch immer wieder zu Konflikten mit Immobilienunternehmen wie der Gagfah oder der Deutschen Annington kam, ist selbstverständlich, da hierbei unterschiedliche Interessen im Spiel sind. Interessenkonflikte gab es aber auch mit der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft Freiburger Stadtbau und damit mit der Stadtverwaltung, am deutlichsten und öffentlichkeitswirksamsten bei der Auseinandersetzung um den Verkauf der städtischen Wohnungen und der Freiburger Stadtbau in 2006.

Nun will die Stadtverwaltung die Verhandlungen für einen neuen Fördervertrag nutzen, um die Aktivitäten des Forum Weingarten auf eine neutrale Vermittlerrolle zu beschränken. Darüber hinaus soll das Forum Weingarten in Zukunft ausschließlich für Fragen des nachbarschaftlichen Zusammenlebens im Stadtteil zuständig sein und sich nicht mehr zur sozialen und baulichen Stadtentwicklung sowie wohnungs- und mietenpolitschen Themen öffentlich äußern. Zudem soll eine eigenständige Öffentlichkeitsarbeit des Trägers ausgeschlossen werden. Dies bedeutet, dass sich nicht einmal die ehrenamtlichen Vorstände dieses BewohnerInnenvereins zu stadtteilrelevanten Fragen äußern dürfen.

Frontalangriff auf demokratische Grundprinzipien
Wir meinen: Dies ist ein Frontalangriff auf demokratische Grundprinzipien. Hier wird zum einen die Meinungsfreiheit von BürgerInnen massiv eingeschränkt. Darüber hinaus werden wirksamen Beteiligungsprozessen von benachteiligten Bevölkerungsgruppen die Grundlagen entzogen. Denn angesichts asymmetrischer Machtverhältnisse setzt eine wirkliche Beteiligung aller Menschen materielle Ressourcen gerade für diejenigen voraus, die in der Regel weniger Einfluss auf politische Entscheidungsprozesse haben. Gerade hierzu ist die parteiliche Gemeinwesenarbeit eine notwendige Bedingung.

Deshalb werden in dieser Auseinandersetzung zugleich mehrere zentrale Arbeitsprinzipien der Gemeinwesenarbeit infrage gestellt, wie das Wahrnehmen und Artikulieren von Interessengegensätzen im Stadtteil sowie Parteilichkeit für und die Ermächtigung von benachteiligten Menschen, damit sie ihre Interessen selbst vertreten können. Eine Gemeinwesenarbeit, die in bestimmten Konflikten nicht Partei für die BewohnerInnen ergreift, verliert deren Vertrauen und zerstört damit ihre eigen Arbeitsgrundlage.

Modell für die Soziale Arbeit in Freiburg?
Eines scheint klar: Am Forum Weingarten soll ein Exempel statuiert werden. Dieser Vorgang wird sich nicht auf Weingarten beschränken, sondern zeigt, in welche Richtung die Quartiersarbeit insgesamt und möglicherweise die Soziale Arbeit generell in Freiburg gedrängt werden soll. Wenn dieser Umgang mit freien Trägern der Sozialen Arbeit Schule machen sollte, darf sich bald kein Verein, der über Zuschüsse der Stadtverwaltung gefördert wird, kritisch zur Stadtpolitik äußern. Damit würden lebendige fachliche Debatten und eine demokratische Streitkultur grundlegend verhindert.

Für den aks gehören Kritik und Parteilichkeit zu den zentralen Elementen einer Sozialen Arbeit, die sich auch als Menschenrechtsprofession versteht. Für uns zeichnet sich professionelles Handeln gerade dadurch aus, dass gesellschaftliche Widersprüche sowie strukturelle Ursachen von Armut und Ausgrenzung benannt werden, dass sozialarbeiterische Praxis und deren Bedingungen reflektiert und kritisiert werden, dass die Gestaltung des Sozialen nicht bestimmten Interessengruppen und Entscheidungsträgern überlassen, sondern an den Wünschen, Bedürfnissen und Interessen der Subjekte ausgerichtet wird, auch wenn diese mit den Interessen einer Stadtverwaltung in Konflikt geraten. Ansonsten wird Soziale Arbeit zu einer paternalistischen Fürsorgearbeit oder einer sozialtechnologischen Zurichtung von Menschen verkommen.

Wehren wir uns gegen diese Gängelung. Denn ohne  eine offene Streitkultur kann Demokratie nicht existieren und ohne kritische fachliche Auseinandersetzungen kann keine professionelle Weiterentwicklung stattfinden! In diesem Sinne fordern wir den Gemeinderat auf, die Verwaltung in die Schranken zu weisen, damit benachteiligte Menschen in ganz Freiburg auch in Zukunft auf Fachleute der Sozialen Arbeit und Ehrenamtliche zählen können, die Konflikte nicht scheuen und ihre Anliegen unterstützen.

Aus all diesen Gründen erklären wir uns solidarisch mit dem Forum Weingarten!

aks – Arbeitskreis Kritische Soziale Arbeit Freiburg

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    Die Stadt Freiburg will mit dem Forum einen neuen Fördervertrag abschließen. Dazu haben wir über ein „Eckpunktpapier Quartiersarbeit Weingarten“ verhandelt. Das Papier widerspricht in einigen wesentlichen Punkten dem Verständnis des Forums für eine fachliche Quartiersarbeit. Lesen Sie hierzu unsere Stellungnahme hier lesen und einen Artikel aus der Stadtteilzeitung hier lesen

 

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