Stellungnahme zur Quartiersarbeit: Kritische Fragen zur Quartiersarbeit im Kontext der Freiburger Sozialverwaltung

Im letzten Jahr sind die Debatten um die Quartiersarbeit (in Freiburg ein anderes Wort für das eigenständige Handlungsfeld Gemeinwesenarbeit in der Sozialen Arbeit) in Freiburg wieder von mehr Sachlichkeit und professioneller Fachlichkeit geprägt. Insbesondere das hartnäckige Insistieren der wirklich freien Träger hat dazu geführt, dass die von oben angestrebte ideologische Neuformierung gestoppt werden konnte, die die Stadtverwaltung mit der als unumgänglich erklärten Idee der Kommunalisierung gestartet hatte. Der AKS hatte am 31.11.2015 u.a. festgestellt:

„Deshalb werden in dieser Auseinandersetzung zugleich mehrere zentrale Arbeitsprinzipien der Gemeinwesenarbeit infrage gestellt, wie das Wahrnehmen und Artikulieren von Interessengegensätzen im Stadtteil sowie Parteilichkeit für und die Ermächtigung von benachteiligten Menschen, damit sie ihre Interessen selbst vertreten können. Eine Gemeinwesenarbeit, die in bestimmten Konflikten nicht Partei für die BewohnerInnen ergreift, verliert deren Vertrauen und zerstört damit ihre eigen Arbeitsgrundlage.“

Dem wollten seinerzeit die zuständige Sozialverwaltung sowie die politisch Führung von Ex-OB Dieter Salomon nicht folgen. Stattdessen wurde für 88.000 € (Drucksache G-15/181) ein Beratungsunternehmen beauftragt, die Freiburger Quartiersarbeit für den Gemeinderat zu begutachten. In den Ergebnissen fanden sich die Vorgaben der Auftraggeber*innen wieder. Die Chance, eine fach- und sachgerechte Evaluation der Freiburger Quartiersarbeit vorzulegen, war vertan worden. Das Gutachten wurde von mehreren einschlägigen Fachleuten und auch aus wissenschaftlicher Sicht kritisiert.
In der Folge gab es einen neuen, konstruktiven Dialogprozess zwischen Stadtverwaltung, Gemeinderat, Trägern und Fachleuten aus der Gemeinwesenarbeit. Inzwischen wurde zwar die Trägerlandschaft der Quartiersarbeit etwas umgestaltet und einige Stellenanteile neu geschaffen, dennoch besteht weiterhin Unsicherheit: Unklar ist nach wie vor die fachliche Unabhängigkeit und Autonomie der Stadtteilarbeit.
Unklar ist auch, inwieweit die seinerzeit Verantwortlichen innerhalb der Sozialverwaltung für ihr fachlich fehlerhaftes Verhalten Rechenschaft ablegen mussten. Wer beispielsweise der Quartiersarbeit untersagen wollte, sich zu mietpolitischen Entwicklungen innerhalb der Stadt Freiburg (Freiburger Stadtbau) zu positionieren, hat wider besseren Fachwissens gehandelt. Wir erwarten hierzu eine öffentliche Stellungnahme der Stadtverwaltung. Des Weiteren ist unklar, wie es dazu kommen konnte, dass seinerzeit ein Beratungsunternehmen mit dem Gutachten beauftragt wurde, das im Bereich der Gemeinwesenarbeit keine fachliche Expertise nachweisen konnte.
In der Badischen Zeitung vom 11.09.2019 wurde der Konflikt anlässlich des 30 jährigen Jubiläums des Forum Weingartens gut zusammengefasst:

„… Dass sich auch die von den damaligen Konflikten geprägte Position der Stadtverwaltung – damals unter OB Dieter Salomon – in der Zwischenzeit geändert hat, deutet sich im Grußwort des Sozialbürgermeisters Ulrich von Kirchbach an: Er betont, Quartiersarbeit solle sich einmischen in die Stadtpolitik und diejenigen Menschen anwaltschaftlich vertreten, die sich schlechter artikulieren könnten als andere. Genau dafür war das „Forum Weingarten“ während der Konflikte kritisiert worden, die Auseinandersetzungen hatten einen drei Jahre dauernden Neuausrichtungsprozess der Freiburger Quartiersarbeit ausgelöst, der vor kurzem ohne große Veränderungen, aber mit einer Ausweitung der Quartiersarbeit zu Ende ging.“

Zu guter Letzt fragen wir, wie es sein kann, dass die Quartiersarbeit wiederholt dafür kritisiert wurde, dass sie vermeintlich zu hohe Overhead-Kosten habe, die Stadtverwaltung selbst inzwischen jedoch ihre eigenen Kapazitäten von ursprünglich 0,5 Stellen auf nunmehr 3,0 Stellen aufgebläht hat, um 14 Stellen in der Quartiersarbeit zu „steuern“. Mit drei Stellen könnten ganze Quartiere gute Quartiersarbeit machen.

Es ist an der Zeit, dass die Fraktionen des Gemeinderates und die Verwaltung sich dieser Fragen öffentlich, aber auch in der AG Sozialraumorientierung annimmt.

Die Stellungnahme als .pdf