Zur aktuellen Situation wohnungsloser Menschen in Freiburg

Corona und der Winter zeigen deutlich die Schwachstellen des Freiburger Wohnungslosenhilfesystems

Auch die vierte Corona-Welle trifft wohnungslose Menschen besonders hart. Sie können sich nicht in die eigene Wohnung zurückziehen oder ihre sozialen Kontakte reduzieren, haben kaum Zugang zu sanitären Anlagen und nur schwer Zugang zu Diensten der Gesundheitsversorgung. Viele gehören zu Corona-Risikogruppen. Die Gefahr an Covid-19 zu erkranken ist deshalb für Menschen ohne festen Wohnsitz besonders groß und ein schwerer Erkrankungsverlauf deutlich wahrscheinlicher, wie eine Studie aus Köln zeigt.1

Presseübersicht:

Email an des DRK zum Kältebus 20.01.2022

Bereits im Spätsommer warnten Gesundheitsexpert*innen und Virolog*innen vor einer neuen Welle der Pandemie. Doch trotz der Erfahrungen des letzten Winters fehlt in Freiburg ein umsichtiges Konzept, das wohnungslose Menschen vor einer Infektion mit dem Virus sowie der Kälte gleichermaßen schützt und die Lebenslage wohnungsloser Menschen nachhaltig und langfristig verbessert. Die Stadt Freiburg legte im Herbst 2021 ein neues Winterkonzept bestehend aus Kältebus und Wärmestube vor. Gespräche mit Adressat*innen und Fachkräften der Wohnungslosenhilfe bestätigen jedoch unsere Einschätzung: Nicht nur wurde das bestehende Konzept bislang unzureichend umgesetzt, es setzt erneut lediglich auf Symptom- anstelle von Ursachenbekämpfung.

Überlastung der Notunterkunft bereits vor der Pandemie

Die städtische Notunterkunft „OASE“, die schon vor Beginn der Pandemie überlastet war, war in den letzten Monaten fast durchgehend voll belegt. Würden all diejenigen, die aktuell draußen nächtigen (dem Bericht der Wohnungsnotfallhilfe zufolge 70 bis 90 Personen) zusätzlich um ordnungsrechtliche Unterbringung bitten, wäre es nicht möglich diese Menschen unterzubringen.2 Zudem werden die Menschen in der städtischen Notunterkunft nach wie vor in Mehrbettzimmern untergebracht. Dies ist nicht nur angesichts der Infektionsgefahr in der Pandemie problematisch. Mit bis zu vier Personen in einem Zimmer haben die Menschen keinerlei Rückzugsmöglichkeiten und keine Perspektiven für eine Stabilisierung. Konflikte, Diebstahl und fehlende Privatsphäre bringen (insbesondere jüngere) Menschen dazu die Notunterkunft zu meiden.

Corona-Prävention lückenhaft

Das Quarantänenetzwerk der Stadt Freiburg hat deutlich zu wenig Plätze, insbesondere angesichts der großen Zahl wohnungsloser und in Teilen obdachloser Menschen. Die Wohnheime für wohnungslosen Menschen verzeichnen steigende Infektionszahlen. Dort teilen sich oft die Bewohner*innen eines ganzen Stockwerks sanitäre Anlagen und Küche.
In städtischen Einrichtungen stellt die Stadt Freiburg zwar Antigen-Schnelltests zur Ausgabe an Adressat*innen oder zum Testen vor Ort zur Verfügung, Einrichtungen und Stellen in freier Trägerschaft erreicht dies unserer Erfahrung nach jedoch nicht bzw. nur sporadisch.

Impfmöglichkeiten für wohnungslose Menschen müssen verstetigt und ausgebaut werden

Bereits während der letzten Pandemie-Wellen gab es Impfaktionen. Die Impfaktion, die Mitte Dezember gezielt für wohnungslose Menschen und Fachpraktiker*innen der Wohnungslosenhilfe angeboten wurde, kommt angesichts der vierten Corona-Welle jedoch sehr spät. Kurzfristig konnte zum Glück auch eine Impfung jüngerer Menschen (mit einem für die Altersgruppe empfohlenen Impfstoff3) sichergestellt werden. Die Impfaktion wurde von vielen Menschen angenommen und eine weitere Impfaktion für den kommenden Monat wäre wünschenswert.
Immer wieder schildern wohnungslose und obdachlose Menschen zwar den Wunsch, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen, zugleich aber auch große Angst vor Impfreaktionen. Die Perspektive eine solche Impfreaktion4 im Winter auf der Straße oder in einer überfüllten Notunterkunft durchstehen zu müssen, ist abschreckend. Wer sich gegen Covid-19 impfen lassen will, braucht die Zusicherung, zumindest für einige Tage sicher und geschützt unterzukommen. Dies sollte durch Bereitstellung von Unterkünften abseits der „OASE“ oder Übernachtungsgutscheine für Pensionen oder Hotels sichergestellt werden.

Das Kältebuskonzept hält nicht, was es verspricht

Eine Neuerung des Freiburger Winterkonzepts ist der Einsatz eines Kältebusses, der bei Minus-Temperaturen abends zwischen 21 und 24 Uhr unterwegs ist. 
Das Engagement der Ehrenamtlichen, die den Kältebus organisieren, koordinieren und begleiten, ist ohne Frage wirklich beachtenswert! Zudem wurde die Idee eines Kältebusses von wohnungslosen Menschen zum Teil positiv aufgefasst, wie uns durchaus häufig rückgemeldet wurde. Der Start des Kältebusses verlief jedoch holprig. Bürger*innen berichten, dass sie mehrmals bei der Kontaktnummer angerufen hatten und niemanden erreichen konnten. Dies kann dazu führen, dass Versuche der Hilfeleistung dieser Art zukünftig unterlassen oder stattdessen nichtqualifizierte Ordnungsbehörden kontaktiert werden. Fachkräfte der Wohnungslosenhilfe informierten ihre Nutzer*innen über das neue Angebot, verlässliche Informationen bezüglich Einsatzort und -zeit liegen diesen jedoch nicht vor. Erst seit Mitte Dezember und damit anderthalb Monate nach Start der Maßnahme scheint der Kältebus regelmäßig erreichbar und im Einsatz zu sein. Es stellt sich unweigerlich die Frage, warum die Stadt Freiburg nicht selbst hauptamtliches und dementsprechend ausgebildetes Fachpersonal für die Organisation bzw. Koordination eines solch wichtigen und existenziellen Angebots beschäftigt. 

Es braucht mehr Unterbringungskapazitäten

Angesichts der angespannten Corona-Lage und des Winters fordert der AKS Freiburg erneut5 und mit Dringlichkeit die Anmietung von zusätzlichen Räumlichkeiten, Hotels und Pensionen für obdachlose Menschen. Ziel muss es sein, die Belegungsrate der städtischen Unterkünfte deutlich zu reduzieren, die Unterbringung in Mehrbettzimmern zu vermeiden und allen wohnungslosen Menschen ungeachtet ihres Impfstatus sichere, dezentrale Unterbringung zu ermöglichen.

Langfristig braucht es ein Umdenken

Um die Situation wohnungsloser Menschen wirklich zu verbessern, braucht es vor allem eins: die Versorgung mit Wohnraum.
Die Chance für einen Paradigmenwechsel im langfristigen Umgang mit Wohnungslosigkeit sehen wir im Konzept Housing First – der Ansatz ist so simpel wie radikal: Die eigene Wohnung steht am Anfang statt am Ende der Hilfen – zuerst werden die Menschen in eigenen Wohnraum vermittelt und dann erhalten sie bedarfsgerechte Unterstützung. Dass der Ansatz funktioniert und sogar kostengünstiger ist als das traditionelle Hilfemodell, zeigen zahlreiche Evaluationen von Housing First-Projekten in den USA, Kanada, Australien, einigen europäischen Ländern sowie Pilotprojekte in mehreren deutschen Städten.6
Wir sehen Housing First als innovativen und erprobten Ansatz, der neue Perspektiven zur nachhaltigen Verbesserung der Situation wohnungsloser- und obdachloser Menschen in Freiburg bietet. Bislang arbeitet die Stadt Freiburg – trotz einiger gegenteiliger Eigenaussagen – nicht nach den Grundprinzipien von Housing First.

Wir fordern sofort:

– die Anmietung von Gebäuden für eine dezentrale, sichere Unterbringung in Einzelzimmern und die Reduzierung der Belegungsdichte der Unterkünfte. Dabei müssen auch die Bedarfe von jungen Menschen, Menschen mit Partner*in, trans* und nicht-binären Personen besser berücksichtigt werden.

– Koordination der gesamten Winterstrategie durch ausgebildetes Fachpersonal

– durchgehend mindestens eine Möglichkeit für wohnungslose Menschen, sich im Warmen aufhalten zu können. d.h. ganztägige Abdeckung durch Tageseinrichtungen (abseits der „OASE“) und Schließung der aktuellen zeitlichen Lücke zwischen den verschiedenen Angeboten. Angebote auch für ungeimpfte Personen, da der Zugang zu anderen Orten und Insitutionen für Menschen ohne Impfung aktuell schwierig ist. 

– weitere und verstetigte niedrigschwellige Impfangebote, die an die Zielgruppen angepasst sind.

-Impfangebote auch für jüngere Menschen mit für die Altersgruppe empfohlenem Impfstoff (aktuell nur Biontech).

– Unterbringung oder zumindest Übernachtungsgutscheine für obdachlose Menschen nach der Impfung als Teil der Impfnachsorge.

– (mehr) Schnelltestmöglichkeiten für Menschen ohne Dokumente.

– Der AKS Freiburg schließt sich in seinen Forderungen zudem dem 10-Punkte-Sofortprogramm der Bundearbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe BAG-W 7 an.

Wir fordern langfristig:

– eine weitreichende Veränderung der Sozial- aber auch der Wohn(ungs)politik der Stadt Freiburg, denn: Wohnen ist ein Menschenrecht8
Housing First als Konzept für Freiburg, um die Situation wohnungsloser Menschen nachhaltig zu verbessern und Wohnungslosigkeit effektiv zu beenden statt zu verwalten.

1 https://www.bagw.de/fileadmin/bagw/media/Doc/DOK/Praevalenz_von_SARS-CoV-2 Infektionen_bei_wohnungslosen_Menschen_in_Koeln.pdf.

2 Im Bericht der Wohnungsnotfallhilfe, der alle zwei Jahre erscheint, ist von einer „sehr hohe[n] Auslastung des Systems“ die Rede. Dort findet sich auch eine Übersicht über die aktuellen Platzkapazitäten und den bestehenden ungedeckten Bedarf. Siehe: Amt für Soziales und Senioren Freiburg (2021): Aktueller Sachstand und Weiterentwicklung im Bereich der Wohnungsnotfallhilfe (Jahresbericht). S. 3, 6 und 15. https://ris.freiburg.de/meeting.php?sid=ni_2021-GR-226&suchbegriffe=DRUCKSACHE+G-21%2F183&select_koerperschaft=&select_gremium=&datum_von=1993-01-04&datum_bis=2022-12-20&entry=0&sort=&kriterium=si

3 Dies ist aktuell nur der Biontech-Impfstoff.
Vgl. https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2021/46/Art_03.html.

4 Fieber, Kopfschmerzen und Abgeschlagenheit sind mögliche Reaktionen auf eine Impfung. Vgl. https://www.rki.de/SharedDocs/FAQ/COVID-Impfen/gesamt.html.

5 Offener Brief des AKS Freiburg vom 08.12.2020: https://aksfreiburg.wordpress.com/2020/12/08/es-wird-zeit-angemessene-ubernachtungsmoglichkeiten-und-wohnraum-fur-wohnungslose-zu-schaffen/

6 Siehe bspw.: https://housingfirsteurope.eu/assets/files/2017/03/HFG_full_Digital.pdf; https://www.hinzundkunzt.de/housing-first/

7 Abrufbar unter: https://www.bagw.de/de/themen/corona_wlh/10_p_progr.html.

8 UN-Sozialpakt Art. 11.1, https://www.ohchr.org/EN/ProfessionalInterest/Pages/CESCR.aspx, s. auch: Deutsches Institut für Menschenrechte. https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/fileadmin/Redaktion/Publikationen/Analyse_Studie/Analyse_Von_der_Notloesung_zum_Dauerzustand_web.pdf