Bettellobby Freiburg – Armut statt Arme bekämpfen!

Netzwerk gegen die Diskriminierung von Menschen, die betteln

„Reicher Mann und armer Mann standen da und sah’n sich an, und der Arme sagte bleich: ‚Wär` ich nicht arm, wärst du nicht reich.’“

Bert Brecht

Wer wir sind?
Wir, der Arbeitskreis Kritische Soziale Arbeit (aks), wollen in Freiburg eine Bettellobby organisieren. Hintergründe sind die Situation bettelnder Menschen in Freiburg und die menschenverachtenden Diskussionen von lokalen Politiker:innen und weiteren Teilen der Öffentlichkeit.

www | aksfreiburg.wordpress.com
Email | aks-freiburg@aksfreiburg

Flyer Bettellobby Freiburg – Armut statt Arme bekämpfen! sw-pdf farbig-pdf (04.03.2022)

Billige Arbeitskraft erwünscht, Sichtbarkeit von Armut im öffentlichen Raum unerwünscht!

Menschen aus Osteuropa dürfen vieles: Sie dürfen sich zu Hungerlöhnen in Schlachtbetrieben halb tot schuften und sich dort mit dem Coronavirus anstecken, um uns mit günstigem Fleisch zu versorgen. Sie dürfen unsere Häuser bauen und unsere Alten pflegen. Osteuropäer:innen dürfen, gerne möglichst unsichtbar, die sexuellen Bedürfnisse hiesiger Männer befriedigen. Und natürlich dürfen Osteuropäer:innen, angestellt bei Subunternehmen, auch in Freiburg unseren Müll entsorgen. Das Ganze findet ganz selbstverständlich statt, organisiert durch Staat und Arbeitgebende. Sobald Menschen aus Osteuropa aber im öffentlichen Raum betteln und ihre Mitmenschen dadurch mit ihrer Armut konfrontieren, werden sie zur „Gefahr für die öffentliche Sicherheit“ erklärt.
Das „Ziel des Bürgermeisteramtes ist [es], das Freiburger Stadtgebiet, insbesondere für organisierte, gewerbsmäßige Bettlergruppen, zunehmend unattraktiver zu machen.“ so OB Martin Horn an organisierte gewerbetreibende in der Innenstadt, die sich beschwert hatten.

Auch in Freiburg gibt es Debatten über „gute“ und „schlechte“ bettelnde Menschen.

Manche Menschen fühlen sich schon von der Anwesenheit bettelnder Menschen und der Frage nach einer Spende belästigt. Alljährlich feuern organisierte Gewerbetreibende der Innenstadt diese Debatte an und stoßen dabei auch bei Stadtverwaltung und OB auf offene Ohren.
Schattenseiten des Lebens und Arbeitens in der Innenstadt werden auf bestimmte Bevölkerungsgruppen projiziert und die Ursachen ihnen zugeschrieben. So werden gerade diejenigen, die kein Zuhause haben verdächtigt, ihre Hinterlassenschaften direkt neben ihren Schlafplätzen zu verrichten, für alles Müllaufkommen verantwortlich zu sein und Dinge in ihrer unmittelbaren Umgebung zu beschädigen. Im Umgang mit unterschiedlichen Interessen im öffentlichen Raum andererseits gibt es eine klare Benachteiligung von Menschen, die in der Innenstadt schlafen und versuchen durch Betteln ihre Existenz zu sichern. Die Wahrnehmung selbst dieser elementaren Bedürfnisse wird erschwert und mit verstärkter Repression sollen bettelnde Menschen aus der Stadt vertrieben werden.

„Hass und Gewalt gegen bettelnde und obdachlose Menschen“

Die Verachtung wohnungsloser und bettelnder Menschen ist in unserer Gesellschaft weit verbreitet und gleichzeitig ein zentrales Motiv der extremen Rechten. Städte geben Geld aus, um durch „Anit-obdachlosen-Architektur“ Menschen etwas wärmere oder sicherere Schlafplätze zu nehmen und finden es erstrebenswert, die Stadt „unattraktiv für bettelnde Menschen“ zu machen. 25% der Deutschen sind der Meinung „obdachlose Menschen sollten aus den Innenstädten“ vertrieben werden und ein Drittel stimmt der Aussage zu, dass sich die Gesellschaft „weniger nützliche Menschen“ nicht leisten könne. Obdachlose und bettelnde Menschen müssen sich beleidigen und beschimpfen lassen und werden nicht selten von lokalen Ordnungsdiensten, der Polizei und Politik kriminalisiert. Diese Verachtung gipfelt in Gewalt, die bis zu Mord reichen kann. So wurden nach Zahlen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe seit 1989 mindestens 267 obdachlose Menschen durch „nicht-wohnungslose“ Täter:innen umgebracht.

Quellen:

Antiziganismus

Bettelnde Menschen, die von der Mehrheitsgesellschaft als nicht-deutsch wahrgenommen werden, sind noch stärkerer Diskriminierung, Verachtung und Gewalt ausgesetzt. Ganz besonders, wenn sie als bettelnde Rom:nja aus Osteuropa wahrgenommen werden. In einer Täter:innen-Opfer-Umkehr wird hier seit Jahrhunderten ein zentrales Klischee bedient, dass Rom:nja angeblich auf Kosten der sonstigen Gesellschaft leben würden. Dieses Vorurteil diente auch als eine der Argumentationen für den Völkermord an Sinti:zze und Rom:nja im Nationalsozialismus (den Porajoms), bei dem schätzungsweise 500.000 Sinti:zze und Rom:nja ermordet wurden. Diskriminierende Aussagen wie „Sozialhilfetourismus“ oder „Bettelbanden“ werden in politischen Debatten wie selbstverständlich benutzt und politisch eingesetzt.

Was ist eine Bettellobby?

Eine Bettellobby soll:

  • als Interessensgemeinschaft von und für bettelnde Menschen agieren, nach dem Vorbild der Bettellobby in Österreich (https://www.bettellobby.at/)
  • Netzwerke schaffen, um Menschen in Muttersprache ausreichend beraten und informieren zu können
  • eine bessere Vernetzung der Betroffenen untereinander ermöglichen
  • Bettelende Menschen dabei unterstützen sich Gehör zu verschaffen und aktiv gegen Ausgrenzung anzugehen

Warum Freiburg eine Bettellobby braucht:

Lasst uns gemeinsam die Ursachen von Armut bekämpfen, anstatt arme Menschen!
Bei weiterem Interesse am Thema: Stadtführung Audioguide [link kommt noch]
Bei Interesse an Mitarbeit Email an aks-freiburg@gmx.de https://aksfreiburg.wordpress.com/bettellobby

Wir fordern:

  • ein Ende der Kriminalisierung von bettelnden Menschen,
  • einen öffentlichen Raum, der für alle nutzbar und zugänglich ist
  • Kein Ausschluss von elementaren Rechten. Soziale Rechte sind Rechte eines jeden Menschen!